p.villonHEGEMONS SCHWANZ

Kunst als Mittel die bestehenden Machtstrukturen aufrechtzuerhalten ist in ihrer Funktion eine der erfolgreichsten Nebensächlichkeiten der Welt, nichtsdestotrotz werden dabei Werte und Stile vorgegeben, Meinungen geboren und verworfen, und sehr sehr viel Geld bewegt, es scheint also doch etwas mehr dahinterzustecken.

Nach dem Verlust von Hoffnung, Glaube und anderen atavistischen Hirngespinsten der Metaphysik muss die Masse stets auf neue bespasst, also durch das Spektakel weiterunterhalten werden, da sonst die Ordnung der Gefüge auseinander zu brechen droht.

Denn nichts ist gefährlicher als ein gelangweilter Untertan scheint seit der Antike das Motto der Machthabenden mit ihrem intrinsischen Gebot von Brot und Spiel durch Zuckerbrot mit Peitsche zu herrschen, sozusagen als Hegemon(ster), das mit dem Schwanz wedelt.

Gerade durch diese Form der Abhängigkeit im hegemonialen Diskurs, zeigt sich ein erweiterter Machtanspruch. Dieser erschöpft sich jedoch nicht im Ausüben der Macht, sondern gerade im Nichtausüben dieser. Du könntest und wolltest, du darfst aber nicht – ist daher Leitspruch dieser hegemonial bestimmten Gesellschaftsform in der wir von impliziten Regeln, Geboten und Verboten diverser Form umgeben sind. All den kühnsten Phantastereien zum Trotz. So meint gerade der, dem sozialen Pakt zu entgehen, der es am wenigsten kann, der Künstler. Denn die besten Sklaven sind bekanntlich die, die sich selbst welche häufen dürfen. Indem sind wir – von daher – wie Hunde, denen trotz konditioniertem Verbot der pawlowsche Speichel übers Kinn tropft, wenn es darum geht, über diese Einschränkungen hinauszublicken. Doch nur der Persilschein der Kunst versprach diese Maxime noch zu erhalten…oder? Alles wäre so schön, doch halt – wäre da nicht der schnöde Markt zu bedienen mit seinen Versprechungen von Ruhm und Ehre, oder Rum und eher doch nicht? Jener, der da scharf richtet mit dem Populären Damoklesschwert, und der gnadenlosen Quote des am teuersten verkaufenden Kunstschaffenden…

Doch wer generiert diese Herrschaft über diese entmenschlichten Symbole, wer hat die Deutungshoheit über dieses Narrativ?

Repräsentation und Funktion werden getragen durch Insignien und Devotionalien, dies trifft nun auf den subjektiven Filter der KünstlerInnen.

Es erfolgt also eine Imitation des Lebens, beinahe als wäre Kunst ein Weg sich in der Gesellschaft Anerkennung zu verschaffen, sozusagen als soziales Mimikry der Reichen und Schnöden, alle profitieren davon, manchmal bekommen sogar Künstler ihre Peanuts.

Bei einer Gegenüberstellung der Aufladung durch Tradition und Wertbeimessung, die dann den Gegenständen ihren immateriellen Wert verleiht, stehen wir bald vor der Frage was den so ein altes, gegebenenfalls abblätterndes und vielleicht schon oft zerbrochenes Totem, wie es beispielsweise ein Kunstgegenstand nüchtern betrachtet darstellt, denn überhaupt wert wäre, wenn es keiner kaufen will. Doch durch die Aufladung der Dinge, die über Generationen bewahrt und gehortet wurden und Jahrhunderte schwere Buckel tragen, werden sie weiter gehegt und gepflegt und behütet und geachtet.

Hierbei stossen wir auf eine Art reziprokem blinden Fleck gegenüber den Relikten einer geistigen Kolonisierung, da die Artefakte – dieses auf Repressalien beruhenden Duktus – nach genügend Aufladung darüber erhaben, beinahe zu schweben scheinen.

Manchmal ist dies recht fadenscheinig, wie folgendes Beispiel zeigt. Legen wir das Modell, welches nicht nur die KünstlerInnen sondern auch SammlerInnen und KuratorInnen sowie GaleristenInnen mit einer Aura umschmiegt, auf ein Beispiel das uns vertrauter erscheint, auf die Modewelt um. Dabei kommen wir zu den abstraktesten Beispielen dieser Produktkultur, den Marken. So werden aus normalen SchneiderInnen plötzlich überlebensgrosse Namen und Vehikel ihrer selbst, sie werden interviewt, auf ihre Weltsicht wird gepocht, ihr Lebensentwurf imitiert, ihr Habitus kopiert. Doch die auratische Kraft lässt sogar die Stücke glänzen, die ihren Namen tragen. So ist es oft der Fall, dass ein paar Stücke roten Fadens auf einem Kleidungsstück die ein Polopferd formen eine ganz andere Wertigkeit erfahren als dasselbe Stück ohne diese. Diese Attribute und Aufladungen sind gewollt erzeugt, und stehen in derselben Tradition wie Wappen und Hoheitszeichen, sie sind Grundlage des ideellen Wertes. Jener ideelle Wert, durch den nun etwas zugesprochen oder beigemessen wird, ist es also, der entscheidet, ob etwa ein T-Shirt aus Afghanistan, welches in derselben Fabrik gemacht wurde, nun 45 euro oder nur 5 euro kosten darf. Es ist wie im Theater, den König spielen immer die anderen, der Darsteller des Königs ändert seinen Habitus nicht, jedoch seine Mitspieler.

Denn wie sonst könnte der Macht genüge getan werden, wenn nicht durch die Anerkennung ihrer Repräsentationsformen. Wie sonst würde ein Logo auch den Reichtum und Wohlstand der TrägerInnen transportieren, wenn nicht durch diesen bewusst erzeugten, und gewollt implementierten Imperativ und genau deswegen sind Produktpiraten so sehr verfolgt, nicht weil sie die Qualität nicht bieten können, nein, sie stellen die Signifikanz selbst in Frage.

Womit wir wieder bei der Kunst sind, hier finden wir in Venedig bei der Biennale die Bestätigung der vorangegangenen Theoreme, da dieselben Prozesse nun gerade in der Kunstwelt zu Tage treten.

Das Kopieren dieser Zeichen und das dadurch hervorgerufene ad-absurdum-führen dieser geforderten Obrigkeitshörigkeit geschieht nun durch Experimente in sozialem Hacktivismus, oder abstrakten Aktionismus, oder einfach in einem erweiterten Kunstbegriff – es ist nun wie bei den neuen Kleidern des Kaisers, der in Wahrheit nackt ist, denn alle diese Formen spielen mit der Sichtbarmachung durch umdeutung und Hervorhebung, so zeigen sich die verdrängten Prozesse und lassen so einen neue Referenzpunkte entstehen. Subversive Strategien die sich dieser Codes bemächtigen um sie umzudeuten, sind also somit nicht nur potentiell gefährlich für den weiterbestand des Systems, nein, darüber hinaus sind sie auch wichtige Stressoren, die das Immunsystem dieser interrelationalen Beziehungen auf die Probe stellen, und gegebenenfalls Schwachstellen und mögliche Loopholes aufzeigen. Somit lassen sich soziale Mechanismen wie in einem Experiment unter dem Mikroskop betrachten, quasi eingefrorene Interdependenzen und doublebinds werden dadurch exemplifiziert, bzw. ihrer Sinnhaftigkeit beraubt, neu bewertbar gemacht. Dieses gesteuerte und befohlene Bild einer einzig wahren Realität durch eine gleichfalls gesteuerte differente Realität in Frage zu stellen ist Ansatz der Kunst, ein simpler Kniff genügt, um damit gleichfalls die Repräsentation des Abbildes und den daraus erfolgenden Anspruch auf Funktionsbruch der symbolischen Ordnung herbeizuführen. Ein Ansatz der die Realität durch Realität ersetzt führt daher zu Inanspruchnahme und Infragestellung dieser immanenten Logik. Nur so kann per Ironie falsifiziert werden, denn der Standpunkt ist abhängig von der Perspektive, mit Logo logic – der zu deutende Kontext implementiert ebenfalls – sowohl den Signifikanten als auch das Signifikat.

Woraus sich ableitet: “Die einzige Konstante ist die Veränderung.”

Selbst RENFAH ebenfalls vertreten durch sein Projekt BEINGWHALE war einst einer dem System widerständigsten Künstler, doch es hat ihn korrumpiert…nichts als wirklichkeitsnahe Fiktionen der Realität und andere Spässchen seinerseits runden das traurige Bild ab.

Doch kurz noch zur Biennale selbst. 1895 gegründet als Pendant zur Weltausstellung. Diese dient der Industrie, die Biennale der Kunst und Kultur und vor allem, damit Industrielle ihre Kapitalien kultivieren, um materielles zum immateriellen Kapital umzufunktionieren, und gegebenenfalls auch soziales Kapital zu akkumulieren. Encyclopedic palace nun – statt dem Mundaneum von Paul Otte… oder Wikipediakonnekten nun also Rudolph Steiner und Aleister Crowley. Esoterik, Mystizismus und Obsession wurden gegenüber den Dauerbrennern wie Fischei und Weiss oder Bruce Naumann kuratiert.

Artisten, Tiere, Attraktionen und ein riesiger Medien Zirkus – der die Journalisten hofiert – die Summe dessen führt zu einem Rummelplatz

nationaler Repräsentation, Fragen wegen eigenständiger Formulierung

oder Kunst als Metaebene der Kommunikation, als eigenständige Sprache der Affektion sollen dabei angeschnitten werden, aber das sind eher Lippenbekenntnisse. Denn was am zählt ist: wer hat die Kunst geschaffen? die Künstler, das Umfeld, die Präsentation, der Kurator, der Investor, der Sammler, die Party?

Dies zeigt sich gerade am Gewinner des goldenen Löwen der Biennale 2013 – Angola. Diese Installation präsentiert in einer der wertvollsten Privatsammlungen in der Stadt Venedig, gespickt mit Devotionalien die bis ins Mittelalter zurückreichen, stellt nun also Fotografien von weggeworfenen Alltagsgegenständen zu einer optionalen Sammlung zusammen, die sich jede/r Besucherin selbst zusammenstellen und mitnehmen kann. Environment, Dada und Simulakrum zum Trotz sind hier Jäger und Sammler gleich. Doch ist dies ein zeitgemässer Kommentar auf die Sammlung in der es präsentiert wurde? Ist es eine kritische Position gegenüber dem westlichen Kunstverständnis? Ist es ein infragestellen dieses Kunstbegriffes der durch die Kolonialisierung und das Diktat der Märkte nun weltweit zur Grundlage der symbolischen Kunstkommunikation wurde? Ist es ein Ausblick auf jetztzeitige angolanische Kunst? Ist es ein Ausblick auf ganz Afrika? Gibt es überhaupt EIN Afrika? ( abgesehen vom Kontinent ) Skulpturen afrikanischer Künstler waren schon 1922 erstmals vertreten, was insofern eine Fortführung des westlichen Blickes auf die ehemaligen Kolonien fortführt, da Nigeria mit Zimbabwe ungefähr soviel verbindet wie Südafrika und Marokko – kaum etwas.

Liste der interessanten Padiglione (ungereiht)

Griechenland, Iraq, Taiwan, Dänemark, Russland, England.

und im Austrian Padiglione?

Imitation of Life…exzellenter Film von Douglas Sirk, Matthias Poledna, der sich seit Jahren mit Reminiszenzen an Film beschäftigt, vom unsichtbaren Kino bis zum diesjährigen Disney, nannte sein Werk auch so, ohne Verweis auf diesen Ursprung…schade eigentlich.

BIENNALE DI VENEZIA 2013

Aside

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